Coaching Berlin Report

Trauerphasen im Coaching.

08.07.09 (Coaching, Training & Co.)

Ich baue meinem Herzen ein Grab, damit es ruhen möge;
ich spinne mich ein, weil überall es Winter ist;
in seligen Erinnerungen hüll ich vor dem Sturme mich ein.

 

(Hölderlin: Hyperion)

Coaching ist ohne Zweifel ein Rahmen, in dem ganz und gar in einem lösungsorientierten Prozess zwischen Coach & Coachee Ergebnisse erzielt werden können, die weit jenseit angezeigter Problemlagen und Defizite liegen (siehe auch LINK).

Nichtsdestotrotz liegt der Beginn der Zusammenarbeit innerhalb eines Coachings überwiegend in einer konkreten Problemstellung bzw. in dem Wunsch, diffuse oder konkrete Probleme aufzulösen.

Nicht selten sind es befürchtete oder reale Verluste / Verlustängste, die Coachees motivieren, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Die Psychodynamiken von Coachees, die in ihrer Stabilität (psychischen, sozialen, körperlichen) erschüttert sind, können äußerst heterogen sein. Dies resultiert sicher aus:

  • den unterschiedlichen Belastungsmomenten, mit denen die Coachees konfrontiert werden,
  • aus den unterschiedlichen personalen, organisationalen und sozialen Ressourcen und
  • aus den unterschiedlichen Wissens- & Handlungskompetenzen, adäquat auf die Krise zu reagieren.

Gleichwohl ist es in diesen Fällen aber ebenfalls sinnvoll, wenn der Coach über das psychologische Wissen und die Erfahrungen verfügt, dass sich frustrationserzeugene Ablöse- oder Trauerprozesse in spezifischen Phasen verarbeiten. Dieses Wissen ist für Coachingprozesse ebenso notwendig wie in allen anderen psycho-sozialen Beratungs- oder Therapiekontexten. Jede Phase bedarf eines spezifischen Zugangs zum Coachee. Vor allem sind diese Phasen in der Chronologie ihres Auftretens archetypisch, jedoch in ihren Qualitäten äußerst individuell.

Obwohl man sich in der Literatur ausgehend psychoanalytischer Erkenntnisprozesse nicht explizit einig ist, ob es sich um 4 und 5 Phasen handelt, so sind doch die Beschreibungen recht übereinstimmend.

Die Chronologie der Phasen lautet:

  1. Schock / Überraschung
  2. Verleugnung / Ablehnung
  3. aufbrechende Emotionalität und affektive Auseinandersetzung
  4. Rationalisierung
  5. emotionale Akzeptanz / Integration.

Jede dieser Phase bedarf eines spezifischen Zugangs zum Coachee und fordert vom Coach spezifische Kompetenzen ab, da sich die Zielstellungen der Phasen untereinander unterscheiden, jedoch chronologisch aufeinander aufbauen.

Wichtig ist zu reflektiren, in welcher Phase der Verarbeitung der Coachee die Zusammenarbeit aufnimmt. Nicht selten ist die Aufnahme eines Coachings per se eine Abwehrstrategie, um den Anforderungen einer Phase gerecht zu werden und das Coaching wird nicht als expliziter Auflösungsprozess von Phase 1 bis Phase 5 angestrebt. Zum Beispiel habe ich in der Praxis wiederholt erlebt, dass Manager bei angedrohntem oder realen Verlust von Zielpositionen aufgrund mangelnden „Selbstmanagements“ kurzfristig Coachingprozesse angestrebt haben, um sich von den im Unternehmen erhobenen Vorwürfen zu distanzieren und aufzuzeigen, dass sie aktiv an ihrer Person arbeiten. Dies sind Fälle, in denen im eigentlichen Wunsch auf Phase 2 verharrt werden soll > ein Wunsch, der wohl nur sehr selten dauerhaft in Erfüllung geht. Hier ist es die Aufgabe des Coach den Prozess zu reflektieren.

Auch wenn die Phasen in ihrer Auflösung chronologisch aufeinander aufbauen, so bedeutet dies ebenfalls, dass wenn eine Phase nicht zum Abschluss gebracht werden kann, der Coachee auf eine frühere Phase regrediert.

Im Kontext der sich aufeinander aufbauenden Phasen kann man sehr schön begründen, wieso Coaching ein Wachstumsprozess über bestehende Grenzen hinaus ist.

Mit besten Grüßen
Stefan Missal

Zu empfehlende Literatur:

Haberleitner, E. et al (2007). Führen, Fördern, Coachen. München: Piper 

Kast, V. (2001). Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses Freiburg: Kreuz-Verlag

Strasser, P. ( 2003 ). Trauer vs. Melancholie aus psychoanalytischer Sicht (37-52) In: W. Mauser & J. Pfeiffer. Freibuger Gespräche. Band 22. Freiburg: K&N

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